G wie "Gesamtschule"

Klassenk(r)ampf! - für ein besseres und gerechteres Bildungssystem im Bayern

Es gibt wohl kein anderes Politikfeld, das in den letzten Jahren so sehr unter dem höchst merkwürdigen Mischmasch von Konservatismus und Neoliberalismus der bayerischen Landesregierung gelitten hat als die Bildungspolitik. Die R6, das G8, die Einführung des Büchergeldes und der Studiengebühren sind bildungspolitische Maßnahmen, für deren Realisierung und deren Folgen die CSU die alleinige Verantwortung trägt.
Anhand dieser in den letzten Jahren durchgesetzten Maßnahmen lässt sich die ideologische Strategie der CSU - nicht nur in der Bildungspolitik -und die künftige Richtung Bayerns erkennen: Weg von gesamtgesellschaftlicher Teilnahme am Bildungsangebot, hin zu einer reichen Bildungselite auf der einen und einem beraubten Bildungsproletariat auf der anderen Seite. Zwar kann man diese Entwicklung schon jahrzehntelang beobachten, allerdings erreicht mit den oben genannten Entwicklungen die Bildungsungerechtigkeit in Bayern eine vollkommen andere Stufe.

Durch die Ankündigung eines Milliardenprogramms für das bayerische Bildungssystem wird sich die CSU nicht ihrer Verantwortung an der Bildungsmisere entziehen können. Die Glaubwürdigkeit der Konservativen muss in diesem Falle ganz enorm angezweifelt werden. Über Jahre hinweg werden die Finanzen im Bildungsbereich radikal gekürzt, um im Hinblick auf kommende Wahlen plötzlich wieder drastisch erhöht zu werden. Man wird wohl besser beraten sein, diese kürzlich angekündigten Maßnahmen nicht als Fehlereinsicht oder gar als neues bildungspolitisches Konzept der CSU zu sehen, sondern sie als Methoden wahltaktischen Charakters zu verstehen.

Will man das bayerische Schulsystem beurteilen, kommt es ganz darauf an, worauf man sein Hauptaugenmerk richtet und was man in einem Bildungssystem als wichtig erachtet. Einige haben dabei nur Augen für "die Leistungsstärksten", "die Besten", also für diejenigen, die Profit aus dem bestehenden System schlagen, die sozusagen der bayerischen Bildung die Krone aufsetzen. Wäre Elite und die daraus resultierende Verwertbarkeit in der Wirtschaft das einzige Beurteilungskriterium, so stünde Bayern mit seiner Bildungspolitik durchaus nicht schlecht da.
Wir Jusos beurteilen ein Bildungssystem allerdings vor allem nach den Kriterien Gleichheit, Gerechtigkeit und Emanzipation.

Selektion und Undurchlässigkeit

In Bayern müssen sich Kinder, bzw. deren Eltern, in der 4. Klasse Grundschule entscheiden, wie und wo die künftige Schulkarriere ablaufen soll und welche Chancen damit die Kinder später haben und welche ihnen vorenthalten bleiben werden. Diese frühe Selektion ist wahrlich nicht nachvollziehbar.

Kinder sind in dem Alter von 10 Jahren nicht in der Lage, die Konsequenzen abzuschätzen, die ein Schulartenwechsel mit sich bringt und Eltern orientieren ihre Entscheidung oft an der eigenen Lebensrealität, sprich den finanziellen und bildungsrelevanten Rahmenbedingungen. Hat ein Kind einmal einen Bildungsweg eingeschlagen, so ist es später nahezu unmöglich von diesem abzuweichen. Und wenn, dann besteht eine Abweichungsmöglichkeit praktisch nur nach "unten". Zwar besteht in der Theorie auch eine Durchlässigkeit nach oben, allerdings ist diese überaus umständlich und in der Praxis eine große Seltenheit.

Es gibt zwei große Verlierer der Selektion. Zum Einen ist es innerhalb des dreigliedrigen Systems die Hauptschule und zum Anderen sind es Kinder aus bildungsfernen Schichten, die die größte Benachteiligung in der bayerischen Bildungslandschaft erfahren.

Benachteiligung der Hauptschule

Das Ansehen der Hauptschule (vor allem in Großstädten) hat sich in den letzten Jahren deutlich verschlechtert. Die Ursachen hierfür liegen neben zu wenig Personal, zu großen Klassen und den damit verbundenen pädagogischen Mängeln vor allem am Stellenwert der Hauptschule im dreigliedrigen System. Als letztes Glied in der Kette hat man es eben schwer, den Bekundungen konservativer PolitikerInnen Glauben zu schenken, die Hauptschule sei nach wie vor eine tragende Säule für die bayerische Wirtschaft.

Wir Jusos sehen in der Hauptschule keineswegs eine vielversprechende und zukunftsträchtige Bildungseinrichtung. Nicht, weil die Hauptschule als solche schlecht und nicht verbesserungswürdig ist, sondern weil sie innerhalb der Dreigliedrigkeit eine unerfüllte Position einnimmt und eine Art Restschule für die sozial schlecht gestellten Jugendlichen darstellt.

Zusammenhang zwischen sozialem Status und Bildungserfolg

"Am ausgeprägtesten ist das soziale Gefälle der Bildungsbeteiligung in den Ländern Bayern, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein. Hier erreicht die relative Begünstigung von Jugendlichen aus Oberschichtfamilien im Vergleich zu Kindern aus Facharbeiterhaushalten mit acht- bis zehnmal so großen Beteiligungschancen ein bemerkenswertes Ausmaß. " Zu dieser Erkenntnis kam die im Jahr 2000 durchgeführte PISA Studie. Warum dem so ist, erklärt sich aus dem Wesen des dreigliedrigen Systems.

Nach der 4. Grundschulklasse findet die erste Selektionsrunde statt. Zur Auswahl stehen den SchülerInnen und ihren Eltern Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Dabei lässt sich beobachten, dass ein Großteil der Eltern ihre Kinder an diejenige Schule schickt, welche von den Eltern selbst besucht wurde. Kinder aus Oberschichtfamilien werden aufs Gymnasium geschickt, weil die Eltern in der Regel auch das Gymnasium besuchten und Kinder aus Arbeiterfamilien gehen auf die Hauptschule, da die Eltern früher selbst HauptschülerInnen waren. Hier spielt ebenfalls der finanzielle Aspekt eine Rolle. Die Frage, ob ein sich anschließendes Studium für ein oder mehr Kinder überhaupt so leicht finanzierbar ist, mag bei vielen Eltern ebenfalls ein Entscheidungskriterium für oder gegen eine höhere Schule sein. So wird bereits nach der vierten Klasse vielen Kindern eine denkbare Bildungskarriere bewusst verbaut. Denn Potenziale und Talente, die in allen Kindern schlummern, bleiben oftmals unerkannt oder werden nicht ausreichend gefördert. Oder glaubt jemand tatsächlich, dass man bereits in der Grundschule voraussagen kann, ob sich ein Kind für ein Studium eignet oder nicht?
Zwar besteht noch die Möglichkeit, nach der 5. Klasse von der Hauptschule auf das Gymnasium oder die Realschule zu wechseln, also ein Jahr länger Bedenkzeit, allerdings wird diese Option von den wenigsten wahrgenommen, da sich die Schullaufbahn dadurch (eigentlich sinnlos) um ein Jahr verlängert. Zum Vergleich: Im Schuljahr 2003/04 traten in Bayern nach der vierten Klasse 44 033 SchülerInnen an das Gymnasium über, nach der fünften Klasse nur noch 1 698. Die Übertritte an die Realschule lagen im selben Schuljahr nach der 4. Klasse bei 26 575 und nach der 5. Klasse bei 7 586.

Durch die flächendeckende Einführung der R6 sind die Übertritte an die 4-stufige Realschule in den letzten Jahren stark rückläufig, wobei die R6 daraus deutlich Profit schlägt. Wer sich diese Entwicklung vor Augen führt, wird feststellen müssen, dass die R6 ein selektionsverschärfendes Element ist, da die Entscheidung über einen Realschulbesuch nicht mehr in der sechsten oder siebten Klasse, sondern verstärkt bereits in der vierten getroffen wird. Die Selektion findet damit faktisch um ein bis zwei Jahre früher statt.

Widmen wir uns jedoch wieder den Übertritten an das Gymnasium: Seit 1987 verharrt die Übertrittsquote an das Gymnasium bei ca. 35% (mit leichten Schwankungen nach oben und unten). Dabei ist es aber selbsterklärtes Ziel der CSU, die AbiturientInnen- und Studierendenquote anzuheben. Voraussetzung dafür wäre zunächst der Anstieg der Übertrittsquote an das Gymnasium, der sich aber - wie oben beschrieben - seit seit nunmehr 20 Jahren nicht beobachten lässt.

Deshalb muss man der CSU den politischen Willen absprechen, die Übertrittsquote tatsächlich zu steigern. Vielmehr hat man den Eindruck - die Entscheidungen der letzten Jahre bestätigen dies - dass die bayerische Regierung das genaue Gegenteil will. Es kann doch niemandem wirklich glaubhaft gemacht werden, dass man sich eine größere Zahl an AbiturientInnen und Studierenden wünscht, gleichzeitig aber vehement Studiengebühren fordert und einführt, den Hochschuletat reduziert und die Gymnasialzeit verkürzt und damit den Druck auf GymnasiastInnen verschärft. Man muss kein Prophet sein, um einen gegenteiligen Trend vorherzusehen.

Tatsächlich ist es der CSU auch nicht daran gelegen mehr Studierende und Absolvierende zu haben. Die konservativen Kräfte wünschen sich eine Gesellschaft herbei - und wieder bestätigen die bildungspolitischen Entscheidungen diese Annahme - in der jedeR einen bereits vorgedachten Platz einnimmt. Für ein Akademikerkind bedeutet das, dass es später genauso wie Mama oder Papa einer akademischen Tätigkeit nachgehen wird. Ist die Finanzkraft der Eltern groß genug, um die Kosten der Ausbildung des Kindes aufzubringen, so steht einer Bildungskarriere eigentlich nichts im Wege. Analog bedeutet es für ein Arbeiterkind, dessen Eltern in der Regel weniger Geld zur Verfügung steht, dass die Bildungskarriere möglichst schnell abgeschlossen werden sollte, um die Eltern finanziell nicht zu lange zu belasten und sich möglichst schnell sein eigenes Geld verdienen zu können.
Hinzu kommt noch, dass Nachhilfeangebote in der Regel nur von reichen Eltern wahrgenommen werden können, da sie für ärmere nicht bezahlbar sind.

Eine adäquate Bildung ihrer Kinder können sich viele Eltern, die nicht der akademischen Oberschicht angehören, schlichtweg nicht leisten.

Fehlende individuelle und ganztägige Betreuung

Im Schuljahr 2004/05 betrugen die durchschnittlichen Klassenstärken an Bayerns staatlichen Schulen 22,6 SchülerInnen pro Klasse an Volksschulen, 28,5 an Realschulen und 25,7 an Gymnasien. Dies sind unserer Auffassung nach zu viele. Bei so großen Klassenstärken und zu wenigen LehrerInnen bleibt nahezu kein Platz für individuelle Förderung.
Wären beide Elternteile in der Lage, ganztags zu arbeiten, könnten sie sich möglicherweise eine höhere Bildung ihrer Kinder leisten. Dem steht allerdings die fehlende Ganztagsbetreuung an bayerischen Schulen entgegen. Viele Familien sind gezwungen, dass zumindest ein Elternteil zu Hause bleibt, um die Kinder nachmittags zu betreuen. In höheren Klassen findet zwar Nachmittagsunterricht statt, aber gerade in der Grundschule gibt es für Kinder keinerlei schulische Beschäftigung am Nachmittag.

Die fehlende Ganztagsbetreuung hindert also viele Eltern am Arbeiten und verbaut somit den SchülerInnen höhere Bildungschancen in der teueren (bayerischen) Bildungslandschaft. Die ehemalige rot-grüne Bundesregierung hat diesen Missstand erkannt und deswegen ein 4-Milliarden-Euro-Investitionsprogramm (IZBB) für den flächendeckenden Ausbau von Ganztagsschulen aufgelegt. Die CSU bekämpfte anfangs dieses Vorhaben, wie der Teufel das Weihwasser. Heute nimmt die CSU-Regierung in Bayern diese Bundesgelder dankend in Anspruch, verteilt sie schwerpunktmäßig in den Kommunen zur Finanzierung des 8-stufigen Gymnasiums und lässt sich ungerechtfertigter Weise für diese gönnerhaften "Finanzspritzen" feiern.

Fehlende demokratische Praxis

Fehlende Mitbestimmungsrechte sind ein weiteres Aushängeschild des bayerischen Bildungssystems. Viele wundern sich über die zunehmende Politikverdrossenheit junger Menschen. Verwunderlich ist dies aber angesichts der mangelnden , strukturell - demokratischen Voraussetzungen im Bildungssystem nicht. In Bayern wird man als SchülerIn regelrecht dazu erzogen sich undemokratisch zu verhalten, autoritätsgläubig zu sein und seine Meinung ungefragt nicht zu äußern.
Demokratische Praxis sucht man an bayerischen Schulen vergeblich. Vielmehr wird ein strikt hierarchisches System präsentiert. Das Kultusministerium bzw. dessen ausführendes Organ - das Direktorat - beanspruchen sämtliche Kompetenzen für sich. Die Lehrpläne, die schulischen Abläufe, die Rolle der Bildung in der Gesellschaft u.ä. wird von "oben" konzipiert und gesteuert. Die Möglichkeit einer Einflussnahme durch SchülerInnen gibt es nicht. Den SMVen wird lediglich die Möglichkeit eingeräumt, sich an innerschulischen Belangen zu beteiligen, sprich den Veranstaltungskalender mitzugestalten o.ä. Ein Mitspracherecht bei Unterrichtsmethoden, Prüfungs- und Lehrinhalten wird ihnen bewusst vorenthalten.

Demokratie kann allerdings nur funktionieren, wenn für alle Beteiligten die Möglichkeit der Mitsprache, vor allem aber der direkten Mitbestimmung besteht. Denn wie soll ein Bildungssystem mehr Demokratiebewusstsein wecken, wenn es selbst nicht demokratisch genug aufgebaut ist?

Umdenken in der Bildungspolitik

Die Jusos Niederbayern begrüßen grundsätzlich jede politische Entscheidung, die in dem Sinne getroffen wird, die oben angeführten Bildungsmissstände zu beseitigen und die zu mehr Gleichheit, Gerechtigkeit und Emanzipation der Bildungsbeteiligten beiträgt.
Unserer Ansicht nach ist es aber mit einzelnen, schrittweise durchgeführten Verbesserungen im Bildungssystem nicht getan.
Wir fordern ein konzeptionell vollkommen anderes Bildungssystem. Wir fordern die Abkehr von der neoliberal-konservativen Ideologie, die ganz im Interesse der Wirtschaft bzw. der Arbeitgeberverbände ein elitäres, auf Disziplin, Konkurrenz und Unterwerfung basierendes System anstrebt. Wir fordern die Emanzipation (nicht nur) des bayerischen Bildungssystems von der kapitalistischen Doktrin, wonach das Recht des Stärkeren über alles andere gestellt und alles Solidarische verteufelt wird.

Wir Jusos streben ein Bildungssystem an, das jedem Kind, unabhängig von dessen Geschlecht, Nationalität, Religion und sozialer Herkunft gleiche Voraussetzungen und Möglichkeiten in dessen Bildungskarriere gewährleistet. Unsäglich sind in diesem Zusammenhang Vorwürfe, die überwiegend aus den Reihen der Konservativen und Neoliberalen kommen, wir wollten eine "sozialistische Einheitsschule" errichten in der sich die "Guten" dem Niveau der "Schlechten" anpassen müssten und die "Leistungsfähigen" durch Kuschelpädagogik klein gehalten und die "Faulen" getätschelt würden. Tatsächlich geht es uns keineswegs darum, jemandes Leistungen zu schmälern oder nicht anzuerkennen, sondern darum, dass Kriterien, die keinen direkten Bezug zur Bildung haben, wie etwa der soziale Status der Eltern, keine Relevanz mehr für die Bildungschancen haben dürfen. Dazu bedarf es allerdings einiger (zumeist politischer) Maßnahmen, die wohl keinen Platz in den neoliberal-konservativen Betonköpfen finden.

Vorschulische Gerechtigkeit

Grundvoraussetzung für eine gerechte Bildungspolitik ist in flächendeckendes Angebot an unentgeltlichen und ganztägigen Kindergartenplätzen für alle Kinder ab 3 Jahren.

Integrierte Gesamtschule

Da wir vor allem in der Dreigliedrigkeit des Bildungssystems eine wesentliche Ursache für Bildungsungerechtigkeit sehen, fordern wir die Abschaffung der Hauptschule, der Realschule und des Gymnasiums zugunsten einer integrierten Gesamtschule.

Keine Selektion

Durch eine flächendeckende Einführung der integrierten Gesamtschule würde das gerechtigkeitshemmende Instrument der frühen Selektion beseitigt. Die Entscheidung über die Art der Schullaufbahn der SchülerInnen - die bisher getroffen werden muss - entfiele damit, da alle SchülerInnen bis einschließlich der 10. Klasse die gleiche Schulform besuchten. Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungspotenzial ließe sich dadurch erheblich reduzieren. Auch könnten die Kinder ohne unnötigen Auslesedruck befreiter in den Schulalltag hineinleben und ungezwungener ihren Talenten und Neigungen nachgehen, da sie keinen schwerwiegenden Einschnitt, den eben der Beginn der Dreigliedrigkeit mit sich bringt, zu befürchten hätten.
Erst nach Beendigung der 10. Jahrgangsstufe soll es die Wahl zwischen einer gymnasialen Oberstufe und einer berufsbildenden Schule geben.
Wie aber hat nach unseren Vorstellungen die integrierte Gesamtschule auszusehen?

Individuelle Förderung

Da wir eine Abkehr von der bisherigen Bildungsideologie fordern, wollen wir den Wert der Bildung nicht mehr ausschließlich nach ökonomischen Standards und Interessen bemessen, sondern Bildung als Wert an sich in den Mittelpunkt rücken und als Hilfe zur individuellen Lebensbewältigung der Bildungsbeteiligten verstehen.

Notwendig dazu ist für die SchülerInnen eine größere Wahlfreiheit ihrer Fächerkombination. Diese könnte ähnlich aussehen wie das Kurssystem in der derzeitigen gymnasialen Kollegstufe, allerdings sollte die Wahlmöglichkeit bereits ab der 4. Jahrgangsstufe bestehen. Dadurch könnten gezielt Schwerpunkte in der Bildung entsprechend den Interessen und Talenten der Kinder und Jugendlichen gesetzt werden. Das Kurssystem hätte gegenüber dem Klassensystem den Vorteil, dass sich ein Leistungsgefälle, wie wir es heute innerhalb einer Lerngruppe kennen, nicht mehr einstellen würde. So können und werden SchülerInnen, die "gut" in Mathematik, dafür aber "schlecht" in Englisch sind, einen Mathematikkurs mit höheren und einen Englischkurs mit geringeren Leistungsanforderungen wählen.

Der Frontalunterricht soll sich zugunsten eines individuelleren Lernens zu offeneren Unterrichtsformen wandeln. Denkbar wäre hierbei das Lernen in Kleingruppen oder Gruppenarbeit, wobei stärkere SchülerInnen bei den schwächeren eine Art Lehrfunktion übernehmen könnten. Dadurch würden sowohl die "Starken" als auch die "Schwachen" gefördert.

Damit zusammenhängend muss die Klassenstärke bzw. Kursstärke im Vergleich zu heute wesentlich reduziert werden, so dass eine individuellere Unterrichtsbetreuung durch die LehrerInnen ermöglicht werden kann. Dazu wird erheblich mehr Lehrpersonal mit besseren pädagogischen Fähigkeiten benötigt, was wir hiermit auch ausdrücklich fordern.

Das Konzept der integrierten Gesamtschule beinhaltet zudem ein ganztägiges Unterrichts- und Betreuungsprogramm, so dass den Eltern ermöglicht wird auch nachmittags einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen. Das Ganztagsprogramm soll eine ausgewogene Mischung aus Lernen, Sport und Spiel sein, so dass Schule nicht mehr länger ein Ort mit überwiegend negativen Attributen ist, sondern eine Art Jugendbegegnungsstätte wird. Zum organisatorischen Konzept einer integrierten Gesamtschule gehört für uns auch, an den Schulen SchulpsychologInnen und SchulsozialarbeiterInnen einzusetzen, so wie das auch die bayerische SPD-Landtagsfraktion vorschlägt.

Flexible Lehrpläne

Die Jusos Niederbayern fordern die Dezentralisierung der Lehrpläne. Die Kompetenzen sollen den Schulen übertragen werden, damit diese, bzw. die LehrerInnen, auf Entwicklungen verschiedenster Art am schnellsten und effizientesten reagieren können. Dadurch wird auch ermöglicht, dass auf Wünsche von SchülerInnen bezüglich des Unterrichtsinhalts unkomplizierter eingegangen werden kann.

Vom Kultusministerium sollen lediglich Richtlinien entworfen werden, nach denen sich die einzelnen Lehrpläne orientieren sollen.

Abschaffung des Notensystems

Wir sehen im derzeitigen Bewertungssystem eine große Belastung für die SchülerInnen. Noten haben einen stark disziplinarischen und wertenden Charakter, der es vielen SchülerInnen schwer macht, sich der Bildung um der Bildung oder um sich selbst willen zu widmen. Stattdessen wird oftmals energisch Stoff "gepaukt", um das auswendig Gelernte bei der nächsten Prüfung Wort für Wort wiederzugeben. Es fehlt eine pädagogische Vermittlung dessen, wie man nachhaltig lernt, um den Sinn vollständig zu erfassen und dauerhaft im Kopf zu behalten. Das Stichwort hierfür lautet "Lernen lernen". Statt SchülerInnen dem Notendruck auszusetzen, müssen die zentralen Bildungsziele die individuelle Förderung aller SchülerInnen, die Vermittlung von Lebenskompetenzen und die Übernahme von Verantwortung für sich selbst, für Beruf, Staat und Gesellschaft sein. Diese Ziele sind mit schülerzentrierten Unterrichtsmethoden, durch projektorientiertes Arbeiten, die Vermittlung von methodischen Fähigkeiten und den Aufbau von Lernmotivationen zu erreichen. Diesem neuartigen pädagogischen Gesamtkonzept steht das konventionelle Notensystem diametral gegenüber und behindert eine positive Selbstentwicklung der SchülerInnen. Zudem sind Noten der Wegbereiter für das im Kapitalismus unverzichtbare Konkurrenzdenken, das vielerlei Keile in das menschliche Zusammenleben treibt.

Außerdem muss die Aussagekraft von Noten bestritten werden. Was kann denn eine Zahl über den tatsächlichen Bildungsstand eines Jugendlichen aussagen? In unseren Augen nichts, sondern sie dient lediglich zu Katalogisierung und Einordnung in kapitalistische Normen.
Ein sinnvolleres Mittel wäre unserer Ansicht nach eine differenzierte Beurteilung in schriftlicher Form. Diese wäre besser in der Lage, den Bildungsstand bzw. Bildungsfortschritt einer Schülerin oder eines Schülers zu dokumentieren.

Demokratieförderung

Der undemokratische Geist an Bayerns Schulen muss ein Ende haben. Wir wollen die direkte Einflussnahme der SchülerInnen sowohl auf den Schulalltag als auch auf Lerninhalte. Die Möglichkeit dazu müsste in einem demokratischen Land eigentlich als selbstverständlich vorauszusetzen sein. Um SchülerInnen zu mündigen und solidarischen Menschen befähigen zu können, ist ein strukturell demokratisches Bildungssystem notwendig.

Ein praktisches Instrument hierfür wäre beispielsweise ein Schulparlament, das sich aus VertreterInnen von Direktorat, Kollegium und SchülerInnen paritätisch zusammensetzt.

Fazit

Wir wollen, dass das bayerische Schul- bzw. Bildungssystem auf schnellstmöglichem Wege eine grundkonzeptionelle Änderung erfährt. Wir fordern die Einführung einer integrierten Gesamtschule als einzige reguläre Schule in Bayern. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, jedem Kind kostenlos bestmögliche Bildungschancen zu eröffnen, die individuellen Potenziale und Fähigkeiten, die jedes Kind hat, besser zu fördern und der charakterlichen Selbstentwicklung junger Menschen mehr Freiraum zu geben.

(Beschluss der Juso-Bezirkskonferenz am 14. April 2007 in Deggendorf)

weitere Infos zur bildungspolitischen Diskussion bei den Jusos erhaltet ihr auch unter THEMEN-ABC > BILDUNG.

 

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